Gartner hat den Magic Quadrant für Digital Commerce neu aufgelegt, und viele CIOs und CDOs stellen sich gerade dieselbe Frage. Ändert der neue Quadrant etwas an unserer Plattformentscheidung? Unsere Einschätzung ist, dass er bestehende Entscheidungen selten in Frage stellt. Er verschiebt aber deutlich die Kriterien, an denen Sie Ihre Plattform in den nächsten zwei bis drei Jahren messen sollten.
Gartner hat 2026 vor allem die Spielregeln geändert. Neu ist, welche Anbieter überhaupt aufgenommen werden und welchen Funktionsumfang eine Plattform mitbringen muss. Wer die neuen Positionen richtig lesen will, braucht deshalb zuerst den Blick auf diese Regeln.
Was sich gegenüber 2025 geändert hat
2025 waren fast alle Bewertungskriterien hoch gewichtet. 2026 konzentriert Gartner das Gewicht auf Produkt, Wirtschaftlichkeit, Preisgestaltung, Marktverständnis und Innovation, während Kundenerlebnis, Marketing- und Vertriebsstrategie nur noch mittel zählen. Die größten Veränderungen liegen aber in der Marktdefinition, im Pflichtumfang und in den Aufnahmekriterien.
Aspekt | 2025 | 2026 |
Titel des Reports | Digital Commerce | Digital Commerce Platforms |
Käufer laut Definition | Kunden | Kunden und KI-Agenten |
Pflichtfunktionen | Storefront bis Checkout, Preisberechnung, Business-Tooling, API-Interoperabilität | zusätzlich Digital Experience Composition, Personalisierung, Low-/No-Code-Integration, B2B-Grundfunktionen (Berechtigungen, Einkaufsorganisationen, Angebote, Bestellnummern) und Post-Purchase (Bestellstatus, Sendungsverfolgung, Retouren) |
Neu als optional | KI-Agenten und Copilots, Anbindung externer Agenten über MCP, Digital Sales Rooms | |
Entfallen | Live Commerce, Einbindung von Verkaufsmitarbeitern, Basis-PIM | |
Aufnahmekriterium | Softwareumsatz zwischen 28 und 65 Mio. US-Dollar mit Wachstumsanforderungen | mehr als 70 Kunden im Produktivbetrieb, mindestens 10 Neukunden im Jahr 2025, Relevanz für Gartner-Kunden nach Einschätzung der Analysten |
Regionale Verteilung gemessen an | Umsatz | Kundenzahl |
Bewertete Anbieter | 19 | 14 |
Honorable Mentions | Baozun, Liferay, Ultra Commerce | Centra, Commerce Layer, DJUST, Emporix, PrestaShop |
Als zentrale Kriterien für Käufer nennt Gartner 2026 drei Punkte. Das sind die Bereitschaft für agentische KI, eine flexible Architektur und nachgewiesene Skalierbarkeit für B2B und B2C auf einer gemeinsamen Plattform.
Neue Positionen spiegeln vor allem neue Regeln
Wenn ein Anbieter 2026 an anderer Stelle steht als 2025, liegt das oft am veränderten Feld. Mit fünf Anbietern weniger verschieben sich die relativen Positionen, auch wenn sich an den Produkten selbst wenig geändert hat.
Dazu kommt der Wechsel vom Umsatz zur Kundenzahl. Ab 2026 zählt die Zahl der Abschlüsse mehr als ihre Größe. Das dürfte erklären, warum WooCommerce neu im Quadranten ist, während Sana, Infosys Equinox, Virto, Elastic Path und HCL nicht mehr enthalten sind. Außerdem steht die Einschätzung der Analysten jetzt an erster Stelle der Aufnahmekriterien und hat damit offiziell mehr Gewicht.
Für Sie als Betreiber heißt das Folgendes. Eine Plattform, die vor einem Jahr gut zu Ihren Prozessen gepasst hat, passt heute genauso gut. Ein Abstieg im Quadranten ist ein Anlass, genauer hinzusehen. Ein Grund für einen Plattformwechsel ist er allein selten.
Agentic-Readiness an dem messen, was heute läuft
Gartner nimmt KI-Agenten erstmals als Käufer in die Marktdefinition auf. Eine Plattform soll Kunden und Agenten gleichermaßen ermöglichen, einzukaufen. Damit gewinnen Roadmap und agentische Fähigkeiten an Gewicht, während Kundenerlebnis und Marktumsetzung relativ an Bedeutung verlieren.
Wie stark sich der Blick verschoben hat, zeigt die Gewichtung. Das Kundenerlebnis, in das die Zufriedenheit von Referenzkunden einfließt, zählt 2026 nur noch mittel statt hoch. Gleichzeitig ist ein Teil der agentischen Funktionen, die Gartner positiv wertet, nach Angaben der Anbieter selbst noch in der Beta-Phase oder auf der Roadmap.
Deutlich wird auch, welche Art von KI zählt. Ein Anbieter wurde abgestuft, weil seine KI-Investitionen überwiegend Werkzeuge für Entwickler sind. Als Readiness wertet Gartner Agenten und Schnittstellen, die beim Kunden ankommen.
Die Richtung halten wir für richtig. Im Handelsalltag sehen wir aber ein anderes Tempo. Agenten, die selbstständig im Namen von Endkunden einkaufen, sind heute noch die Ausnahme. Messbaren Nutzen stiften Agenten bereits intern, etwa in der Auftragsbearbeitung, im Kundenservice und in der Datenpflege, sowie in B2B-Prozessen wie Nachbestellung und Angebotserstellung.
Deshalb empfehlen wir, Agentic-Readiness an konkreten Punkten zu prüfen. Entscheidend sind offene Schnittstellen, ein sauberer Datenzugriff auf Produkte, Preise und Bestände sowie die Möglichkeit, eigene Agenten über Standards wie MCP anzubinden. Eine Plattform, die das heute kann, ist für die agentische Zukunft gut aufgestellt, unabhängig davon, was auf der Roadmap-Folie steht.
KI-Kosten und B2B-Automatisierung werden zum Maßstab
Die Kritikpunkte, die Gartner bei den einzelnen Anbietern nennt, zeigen deutlicher als die Gewichtungstabellen, woran Plattformen 2026 gemessen werden. Drei Themen stehen im Vordergrund.
Das erste sind die Kosten für KI-Funktionen. Bei mehreren großen Anbietern bewertet Gartner token- oder nutzungsbasierte KI-Zusatzmodule ausdrücklich als Kostenrisiko. Was in der Demo überzeugt, kann im Vollbetrieb die Gesamtkostenrechnung spürbar verändern.
Das zweite ist die Automatisierung im B2B-Vertrieb. Als Maßstab gelten jetzt KI-Funktionen, die Bestellungen aus unstrukturierten Dokumenten wie PDFs und E-Mails übernehmen und bei Angeboten mitverhandeln. Für Industrie und Großhandel ist das der greifbarste Punkt im ganzen Report. Die manuelle Auftragserfassung bindet in vielen Innendiensten viel Kapazität, und genau dort senkt KI heute schon Kosten und verkürzt Durchlaufzeiten.
Das dritte sind offene Protokolle. Unterstützung für Standards wie MCP, ACP und UCP, über die Agenten mit einer Plattform kommunizieren, wertet Gartner als Stärke.
Der breitere Pflichtumfang stärkt Composable-Architekturen
Mit Digital Experience Composition, Personalisierung, B2B-Grundfunktionen und Post-Purchase als Pflicht liegt die Messlatte für eine Plattform deutlich höher. Ein reiner Commerce-Kern erfüllt die Definition kaum noch.
Unternehmen haben damit zwei Wege. Sie setzen auf eine große Suite, die alles aus einer Hand liefert. Oder sie verbinden spezialisierte Komponenten zu einer Plattform, die genau zu ihren Prozessen passt. Die neuen Honorable Mentions zeigen, dass Gartner den zweiten Weg ernst nimmt. Mit Commerce Layer, Emporix und DJUST sind dort mehrere API-first-Anbieter vertreten, die stark auf MCP setzen. Die Gruppe ist zudem deutlich europäischer als im Vorjahr.
Für Unternehmen im DACH-Raum mit gewachsenen Systemlandschaften ist das eine gute Nachricht. ERP, PIM und Datenplattform bleiben, wo sie sind, und die Commerce-Plattform wächst um die Funktionen, die Gartner jetzt voraussetzt. Der Aufwand verschiebt sich dabei von der Lizenz zur Integration. Genau dort entscheidet sich, ob eine Composable-Plattform ihre Vorteile ausspielt.
Gartner legt dabei einen strengen Maßstab an. Funktionen, die nur über Drittlösungen verfügbar sind, rechnet der Report Composable-Anbietern weiterhin als Schwäche an. 2025 betraf das CMS und Personalisierung, 2026 vor allem KI-Assistenten in der Storefront.
Zugleich beschreibt der Report zwei Entwicklungen nebeneinander, den anhaltenden Trend zu Composable und eine Konsolidierung hin zu Komplettsuiten. Die Architekturentscheidung nimmt Ihnen der Quadrant damit nicht ab. Sie hängt an Ihren Prozessen, Ihrer Systemlandschaft und daran, wie gut die Komponenten miteinander verzahnt sind.
Sechs Fragen für Ihre nächste Plattformprüfung
Der Quadrant liefert eine gute Marktorientierung. Die Entscheidung für Ihr Unternehmen beantworten diese sechs Fragen genauer.
Welche der neuen Pflichtfunktionen deckt Ihre Plattform heute ab, und welche brauchen Sie tatsächlich für Ihr Geschäft?
Wie sind KI-Funktionen in Ihrem Vertrag bepreist, und was kosten sie bei voller Nutzung über die gesamte Laufzeit?
Können eigene oder externe Agenten heute auf Produkte, Preise, Bestände und Bestellungen zugreifen, zum Beispiel über MCP?
Bilden Sie B2B und B2C auf einer gemeinsamen Plattform ab, oder betreiben Sie dieselben Funktionen doppelt?
Wo bindet Ihre Plattform heute den größten Teil von Budget und Teamkapazität, und würde ein Wechsel daran etwas ändern?
Wie schnell können Sie eine neue Funktion wie die automatische Erfassung von Bestellungen oder einen Service-Agenten live bringen?
Unser Fazit
Der Magic Quadrant 2026 beschreibt eine Commerce-Plattform, die mehr kann als verkaufen. Sie gestaltet Erlebnisse, bedient B2B und B2C gemeinsam und öffnet sich für Agenten. Diese Richtung deckt sich mit dem, was wir in Projekten mit Handels- und Industrieunternehmen sehen.
Wer die Positionen im Quadranten als Rangliste liest, zieht schnell falsche Schlüsse. Wer die neuen Kriterien als Prüfliste für die eigene Plattform nutzt, gewinnt einen klaren Plan für die nächsten Ausbaustufen. Gern sprechen wir mit Ihnen darüber, wo Ihre Plattform heute steht und welche Schritte sich für Ihr Geschäft lohnen.
Grundlage dieses Beitrags sind die Gartner-Reports „Magic Quadrant for Digital Commerce“ (2025) und „Magic Quadrant for Digital Commerce Platforms“ (2026). Die Einordnung gibt die Einschätzung von foobar Agency wieder.
Mehr dazu im Podcast What Works Tomorrow
In der aktuellen Folge von What Works Tomorrow sprechen Philipp Krüger und Matthias Dietrich über die Änderungen im Magic Quadrant 2026 und was sie für Commerce-Verantwortliche bedeuten. Die Folge gibt es auf YouTube, Spotify und Apple Podcasts.
Zum Abspielen des Videos sind Marketing-Cookies erforderlich.