Kaum ein Begriff hat den Handel im letzten Jahr so beschäftigt wie Agentic Commerce. Im September 2025 kündigte OpenAI an, dass Kunden direkt in ChatGPT einkaufen können. Google, Stripe, Visa und Mastercard folgten mit eigenen Protokollen. Seitdem stellen sich viele Geschäftsführer, CDOs und CIOs dieselbe Frage. Müssen wir jetzt etwas tun, und wenn ja, was?

Nach gut einem Jahr zeichnet sich die Antwort ab. Dass ein Agent ganz allein einkauft, ist bis heute die Ausnahme. Durchgesetzt haben sich drei andere Entwicklungen. KI-Assistenten werden zu einem Weg, auf dem Kunden Produkte finden. Die großen Plattformen bauen Kaufabläufe, bei denen der Händler Verkäufer bleibt und die Regeln setzt. Und Agenten übernehmen im eigenen Unternehmen Arbeit. In diesem Beitrag ordnen wir ein, was Agentic Commerce ist, was davon heute live ist und welche fünf Schritte sich jetzt lohnen. Matthias Dietrich und Philipp Krueger haben viele dieser Punkte im Podcast What Works Tomorrow ausführlich besprochen. Die passenden Folgen sind jeweils verlinkt.

Was ist Agentic Commerce?

Agentic Commerce beschreibt den Handel, bei dem KI-Agenten einen Teil des Kaufs oder Verkaufs übernehmen. Ein Agent ist dabei mehr als ein Chatbot. Er verfolgt ein Ziel, plant die Schritte dorthin und nutzt dafür Werkzeuge wie Produktsuche, Warenkorb oder Bestellsystem.

In der Praxis meint der Begriff drei verschiedene Dinge.

  1. Agenten auf Kundenseite. Ein KI-Assistent wie ChatGPT, Gemini oder Perplexity berät den Kunden, vergleicht Angebote und legt im Idealfall selbst den Warenkorb an oder kauft ein.
  2. Agenten im Verkaufserlebnis des Händlers. Ein Agent im eigenen Shop oder Kundenportal berät, beantwortet Fragen zu Verfügbarkeit und Lieferung und bestellt im B2B regelmäßig benötigte Artikel nach.
  3. Agenten im Backoffice. Agenten steuern Promotions, Merchandising, Suche und Loyalty übergreifend, erfassen Aufträge aus E-Mails und PDFs oder bereiten Angebote vor.

Die öffentliche Debatte dreht sich fast nur um die erste Form. Wirtschaftlich relevanter sind heute die zweite und die dritte. Warum Begriffe wie Agentic und Autonomous Commerce dabei oft durcheinandergehen, besprechen wir in der Folge Agentic vs. Autonomous Commerce: Buzzword-Bingo oder echter Hebel?.

Was heute live ist

Ende September 2025 stellte OpenAI das Agentic Commerce Protocol und Instant Checkout vor. Angekündigt war die Anbindung von über einer Million Shopify-Händlern, live ging nur ein Bruchteil. Im März 2026 hat OpenAI den Kauf direkt im Chat zurückgefahren und verlagert ihn seitdem in die ChatGPT-Apps der Händler.

Google ist einen anderen Weg gegangen. Auf das Universal Commerce Protocol im Januar 2026 folgte im Oktober 2026 in den USA der Universal Cart in der Google-Suche und der Gemini-App. Kunden sammeln dort Produkte verschiedener Händler, bezahlen mit Google Pay oder übergeben den Warenkorb an den Shop des Händlers. In beiden Fällen bleibt der Händler Verkäufer und für Bestätigung und Service zuständig. Shopify lässt seit September 2026 Browser-Agenten bei teilnehmenden Händlern bezahlen und hat Ende Oktober agentische Zahlungen mit Visa, Mastercard und American Express in Shop Pay eingebaut, ohne dass der Agent die Kartendaten sieht. Walmart öffnet sein Sortiment über ein Agent Gateway für zugelassene Agenten, mit eigenen Regeln und Ausgabelimits, die der Kunde festlegt. Amazon dagegen blockiert fremde Agenten.

Die Nachfrage bleibt vorerst überschaubar. Agentischer Traffic machte im zweiten Quartal 2026 weniger als ein Prozent der Besuche im Handel aus. In einer Befragung des bevh mit 40.000 Teilnehmenden lehnen 92 Prozent einen vollautomatischen Einkauf ab. Der Universal Cart ist bislang nur in den USA verfügbar. Für Händler und Hersteller im DACH-Raum ist das ein Vorlauf, den sie nutzen können.

Ausführlich ziehen wir Bilanz in der Folge Ein Jahr Agentic Commerce: Gibt es was zu feiern?.

Woran der Kauf durch den Agenten hängt

Am Protokoll liegt es selten. Ob ein Agent zuverlässig einkaufen kann, entscheidet das Handwerk des Handels. „150 auf Lager“ heißt im Warenwirtschaftssystem selten, dass 150 Stück im Regal liegen. Vielleicht sind es 120, zwanzig sind unterwegs und zehn stehen noch im Container. Dazu kommen Preiszusagen, Rabattcodes, Liefermethoden, die Rücknahme von Altgeräten und die Verpackungsverordnung. Jede dieser Regeln muss ein externer Agent verstehen und einhalten, sonst entstehen Fehlkäufe, die am Ende der Händler auffangen muss.

Für den Händler steht außerdem vieles auf dem Spiel, was Umsatz und Marge trägt. Dazu gehören Up- und Cross-Selling, die eigene Beratung und die Beziehung zum Kunden nach dem Kauf. Genau deshalb setzen sich Modelle durch, in denen der Händler Verkäufer bleibt, den Checkout kontrolliert und festlegt, welche Agenten was dürfen. Mehr dazu in der Folge Agentic Commerce: Warum der KI-Checkout am Handwerk scheitert.

Wo Agentic Commerce heute Umsatz bringt

Schneller als der Kauf durch Agenten wächst die Produktsuche über KI-Assistenten. Bei US-Händlern stieg der Traffic aus KI-Quellen im ersten Quartal 2026 um 393 Prozent gegenüber dem Vorjahr, und die Conversion-Rate dieser Besucher lag 54 Prozent über der anderer Besucher. In Deutschland nutzen bereits 30 Prozent KI-Chatbots für die Produktrecherche.

Für Händler und Hersteller werden KI-Assistenten damit zu einem neuen Einstieg in die Customer Journey. Wer dort mit vollständigen Produktdaten, Preisen und Verfügbarkeiten auftaucht, gewinnt Besucher mit hoher Kaufabsicht. Wer fehlt, wird gar nicht erst empfohlen. Wie Sie Ihr Sortiment für Menschen und ihre KI-Assistenten gleichermaßen auffindbar machen, beschreiben wir unter Agenten für Ihre Kunden.

Der größere Hebel liegt im eigenen Unternehmen

Agenten senken heute vor allem Kosten, und zwar dort, wo viel manuelle Arbeit in wiederkehrenden Abläufen steckt. Im B2B erfassen Agenten Bestellungen aus E-Mails und PDFs, bereiten Angebote vor und schlagen Nachbestellungen vor, bevor der Kunde fragt. Im Handel bringen sie Abverkauf, Preise und Bestände in eine Sicht und steuern Promotions, Suche und Merchandising übergreifend, wo diese Systeme heute nebeneinander laufen.

Die Verantwortung bleibt beim Team. Der Agent bereitet vor, Ihre Mitarbeitenden geben frei. Gemessen wird an einem Werthebel wie Kosten pro Vorgang, Umsatz pro Kunde oder Kapitalbindung im Lager. Mehr dazu unter Agenten für Ihre Prozesse.

Auch Gartner bewertet Commerce-Plattformen inzwischen danach, ob sie solche Agenten und die Anbindung über offene Standards wie MCP unterstützen. Unsere Einordnung lesen Sie im Beitrag Gartner Magic Quadrant 2026: Was er für Ihre Plattformentscheidung bedeutet, im Podcast besprechen wir sie in der Folge Gartner Magic Quadrant 2026: Agentic Commerce mischt die Plattformen neu.

Fünf Schritte, die sich jetzt lohnen

Wie schnell Ihre Kunden über Assistenten einkaufen, kann heute niemand verlässlich sagen. Die folgenden Schritte zahlen sich in jedem Szenario aus.

  1. Produktdaten maschinenlesbar machen. Vollständige Attribute, eindeutige Varianten und verständliche Beschreibungen sind die Grundlage dafür, dass ein Assistent Ihr Sortiment findet und richtig empfiehlt.
  2. Verfügbarkeit, Preise und Lieferung als verlässliche Schnittstelle anbieten. Was Ihr Shop korrekt anzeigt, muss auch ein Agent korrekt abfragen können, etwa über einen MCP-Server. Legen Sie dabei fest, welche Agenten was dürfen. Walmart zeigt mit seinem Agent Gateway, wie das aussehen kann.
  3. Die Architektur unabhängig von einem Protokoll halten. ACP, UCP und die nächsten Standards kommen und gehen. Eine Composable-Architektur bindet neue Kanäle an, ohne den Kern umzubauen.
  4. KI-Traffic als eigenen Kanal messen. Trennen Sie Besuche aus ChatGPT, Gemini, Perplexity und Co. in Ihrer Webanalyse und beobachten Sie, wie oft KI-Assistenten Ihre Marke nennen.
  5. Mit einem internen Agenten an einem messbaren Werthebel beginnen. Ein Agent für die Auftragserfassung oder den Kundenservice zeigt in wenigen Monaten, was Agenten in Ihrem Unternehmen leisten, und schafft die Grundlagen für alles Weitere.

Wer Produktdaten, Zahlungs- und Liefermethoden sauber und maschinenlesbar bereitstellt, kann einen neuen Kanal in wenigen Wochen testen, ohne ein Großprojekt daraus zu machen. Diese Fähigkeit ist der eigentliche Vorsprung, unabhängig davon, welches Protokoll sich durchsetzt.

Unser Fazit

Agentic Commerce ist nach gut einem Jahr kleiner, als die ersten Ankündigungen versprochen haben, und zugleich konkreter. Der vollautomatische Kauf bleibt vorerst die Ausnahme. Google, Shopify und Walmart bauen aber die Wege dafür, und zwar so, dass der Händler Verkäufer bleibt. Die Produktsuche über KI-Assistenten wächst und bringt Umsatz, und Agenten im eigenen Unternehmen senken schon heute Kosten.

Für Händler und Hersteller lohnt es sich deshalb, die Grundlagen jetzt zu legen und mit einem ersten Agenten Erfahrung zu sammeln. Mit dem Impact-Check zeigen wir Ihnen in zwei Wochen, wo Ihr Unternehmen steht und wie Ihr erster Agent aussieht.

Quellen: OpenAI, Instant Checkout und Agentic Commerce Protocol (29.09.2025); Digital Commerce 360, OpenAI verlagert den Checkout in Händler-Apps (06.03.2026); Google, Universal Commerce Protocol (11.01.2026); Google, Universal Cart (15.10.2026); TechCrunch, Walmart Agent Gateway (21.10.2026); PYMNTS, Shopify und agentische Zahlungen (29.10.2026); Flagship Advisory Partners, Agentic Commerce Market Tracker (August 2026); Adobe Digital Insights, KI-Traffic Q1/2026; bevh, Interaktiver Handel in Deutschland; CELUM-Studie zur KI-Produktsuche (2026). Die Einordnung gibt die Einschätzung von foobar Agency wieder.

Mehr dazu im Podcast What Works Tomorrow

Matthias Dietrich

Matthias Dietrich

Co-CEO

Matthias Dietrich ist Gründer und Co-Geschäftsführer der foobar Agency und begleitet seit über 20 Jahren Commerce-Projekte für Retailer und Hersteller im DACH-Raum, 2024 ausgezeichnet mit dem 1. Platz beim E-Commerce Germany Award. Als ehemaliger Entwickler weiß er, dass KI erst dann wirkt, wenn sie an den Systemen und Prozessen eines Unternehmens ansetzt. Heute beschäftigt ihn, wie Handel und Industrie KI-Agenten aus dem Pilotstadium ins Tagesgeschäft bringen: mit Daten, die zusammenpassen, Agenten, die direkt in ERP und Shop arbeiten, und einer Wirkung, die sich in der P&L zeigt.

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